
Ohne Oma und Opa geht nichts!
Wer steht auf Zuruf – und kostenlos – bereit, wenn es gilt, die Kinder zu betreuen, wenn Mama und Papa Überstunden machen, der Kindergarten Ferien hat? Wer verwöhnt den Nachwuchs mit einer Extraportion Liebe und Nudeln mit Tomatensoße? Wer schießt etwas zum Führerschein oder dem neuen Computer zu? Klar doch, die Großeltern! Mindestens 14 Millionen Großmütter und Großväter leben in Deutschland und Österreich – genaue Zahlen werden statistisch nicht erfasst. Welche Rolle spielen sie im Alltag ihrer Enkel, was bedeutet es ihnen, Großeltern zu sein, welche Rechte und Pflichten sollten sie haben? Reader’s Digest hat nachgefragt.
OHNE GROSSELTERN GEHT – FAST – GAR NICHTS
Wären Ursula und Werner Konwisorz aus Hermsdorf in Thüringen nicht, ihre Tochter könnte ihren Beruf an den Nagel hängen – oder müsste einen Teil ihres Gehalts für eine Tagesmutter ausgeben. Als Krankenschwester arbeitet sie mehrmals die Woche Spätschicht. An den Tagen endet ihr Dienst lange, nachdem der Kindergarten ihrer Tochter seine Pforten schließt. „Also holen wir die Kleine ab. Weil wir nicht im selben Ort wohnen, heißt das jeweils eine Viertelstunde mit dem Auto hin und zurück“, erzählt die 68-jährige Ursula Konwisorz. „Zu Hause spielen wir mit ihr, ab und zu gehen wir zum Ponyreiten, oder sie malt, bis ihr Vater oder ihre Mutter von der Arbeit kommen. Wir tun, was wir können, um die Kinder zu unterstützen – und wir tun es gerne.“
Mit ihrem Einsatz steht das Rentnerehepaar aus Thüringen nicht allein. Das beweist eine von Reader’s Digest beauftragte repräsentative Umfrage, bei der 1006 Personen in Deutschland, darunter rund 300 Großväter und Großmütter, befragt wurden: Knapp 60 Prozent der Großeltern betreuen demnach die Enkel regelmäßig – oder haben sie betreut, als sie noch klein waren. Mehrere Hundert Stunden im Jahr widmen deutsche und österreichische Großeltern dabei dem Nachwuchs der Kinder. Das belegt eine Studie von 2007. Gäbe es Oma und Opa nicht, Eltern und Gemeinwesen müssten Millionen Euro zusätzlich für die Kinderbetreuung aufwenden.
Was sie den Enkeln darüber hinaus an Liebe geben, lässt sich nicht in Zahlen messen. „Großeltern stehen auch deshalb so hoch im Kurs, wenn es um Kinderbetreuung geht, weil sie einfach Personen sind, die einem emotional nahestehen und denen man vertraut“, erklärt Kerstin Ruckdeschel, Soziologin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, die sich seit Jahren mit Generationenbeziehungen beschäftigt.
Kümmern Großeltern sich seltener um die Enkel, liegt das oft an der räumlichen Entfernung oder daran, dass sie selbst noch im Beruf stehen. Wie wichtig aber auch diesen Großmüttern und Großvätern die Enkel sind, unterstreicht der Deutsche Alterssurvey, eine andere Umfrage, die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt wird: 90 Prozent aller Großeltern ist diese Rolle wichtig oder sehr wichtig!
Gerade Großväter widmen sich mit Begeisterung den Enkeln, hüten sie sogar häufiger als Großmütter – jedenfalls nach eigenem Bekunden. Expertin Ruckdeschel sieht diese Selbsteinschätzung skeptisch. „Wir wissen aus der Forschung, dass es in erster Linie die Großmütter sind, die sich bei der Kinderbetreuung engagieren“, erklärt sie. „Und zwar in erster Linie die Mütter der Mütter.“
Trotzdem: Auch die Opas sind gefragt. So wie Johannes Müller aus Altbach. „Mit meinem zehnjährigen Enkel, den ich und meine Frau wie seine sechsjährige Schwester und dreijährige Cousine regelmäßig betreuen, gehe ich öfter auf den Bolzplatz“, erzählt der 72-Jährige. „Dort treffen wir meist andere Jungs, und dann wird Fußball gespielt. Opa darf und muss natürlich mitspielen. Damit ich nicht so viel rennen muss, stehe ich im Tor.“ Solcher Einsatz verdient Anerkennung – und die bekommen Großeltern reichlich. 96 Prozent sagen: „Ja, unsere Kinder wissen zu schätzen, was wir leisten.“ So auch der Sohn von Johannes Müller: „Neben unserer täglichen Entlastung ermöglichen uns meine Eltern immer wieder mal ein Wochenende zu zweit, was wir bei aller Liebe zu unseren Kindern sehr genießen.“
GROSSELTERN SIND HEUTE HÄUFIGER IM EINSATZ
„Unsere Kinder wurden nur ganz selten von den Großeltern betreut“, erzählt Angelika Wölk aus der Uckermark, die vier Enkel im Alter zwischen zwei und neun Jahren hat. Die beiden älteren Enkeltöchter wohnen gleich nebenan und sind häufig bei den Großeltern. Am Wochenende stößt oft auch noch der zweijährige Enkelsohn dazu. „Meine Mutter war erst 39, als sie Oma wurde, und stand wie mein Vater voll im Beruf. Dann waren da noch meine jüngeren Geschwister. Meine Eltern hatten also überhaupt keine Zeit, um Enkel zu hüten. Bei den Schwiegereltern war es ähnlich.“
Die Unterstützung, die Großeltern heute den Enkeln und deren Eltern angedeihen lassen, haben viele von ihnen selbst nicht genossen. Das gilt vor allem für die über 60-Jährigen. „Hier spiegelt sich wohl wider, dass in dieser Generation – zumindest im Westen – die Geburt der Kinder den Ausstieg der Frauen aus dem Berufsleben bedeutete. Eine Betreuungsleistung durch die Großeltern war also im heutigen Maß auch gar nicht gefragt“, erklärt Expertin Ruckdeschel.
OMA UND OPA VERWÖHNEN DIE ENKEL GERN
Egal, ob sie die Enkel dreimal die Woche, zweimal im Monat oder nur in den Ferien sehen – was immer der Nachwuchs am liebsten macht, Oma und Opa machen mit: Unternehmungen nach den Wünschen der Enkel führen die Liste der Dinge an, mit denen Großeltern diese verwöhnen, dicht gefolgt vom Zubereiten des Lieblingsgerichtes. An dritter Stelle folgen Geldzuwendungen und Geschenke. Die müssen nicht immer materiell sein. „Mein Mann putzt den beiden großen Enkeln jedes Wochenende die Schuhe“, erzählt Ursula Konwisorz aus Thüringen. „Er findet es wichtig, dass sie ordentlich zur Arbeit gehen. Also bringen die zwei jeden Freitag ihre schmutzigen Arbeitsschuhe vorbei.“
Wenn nötig setzen Großeltern aber auch Grenzen: Nur 22 Prozent der Großväter und gerade einmal 12 Prozent der Großmütter erlauben Dinge, welche die Eltern verboten haben. „Selbstverständlich ist man manchmal etwas großzügiger. Aber das betrifft wirklich nur Kleinigkeiten“, sagt Edith Mach aus dem württembergischen Schorndorf, die sich regelmäßig um ihre knapp fünfjährige Enkelin kümmert. „Ansonsten halten wir uns an die Vorgaben unserer Tochter und ihres Mannes, beispielsweise was Süßigkeiten betrifft.“ Die 72-Jährige und ihr Mann übernahmen die Betreuung der Enkelin an einem Tag in der Woche, als die Tochter wieder in den Beruf einstieg – für beide kein Opfer, sondern eine Bereicherung. „Das Kind um sich zu haben, empfinde ich einfach als großes Glück. Sie gibt einem ja so viel“, erzählt Mach. Und die Enkelin genießt die Stunden bei Oma und Opa. „Unsere Tochter geht total gern zu beiden Großelternpaaren“, erzählt ihre Mutter. „Inzwischen ruft sie sogar schon allein an, wenn sie sie besuchen will.“ Bereichernd empfinden auch 88 Prozent der befragten Großeltern den Umgang mit den Enkeln, 77 Prozent sagen, er halte sie jung, 37 Prozent strengt er manchmal an.
OMA UND OPA SOLLTEN MEHR RECHTE HABEN
Wie gut, dass Oma und Opa so viel Freude an der Betreuung der Enkel haben, denn moralisch gesehen sind sie dazu verpflichtet – meinen 62 Prozent der Menschen in Deutschland. Im Osten sind sogar 71 Prozent dieser Ansicht. „Dort war die Familie sehr viel stärker Gegenpol zum Staat und Rückzugsort für den Einzelnen“, erklärt Expertin Ruckdeschel. „Sie hatte und hat immer noch eine höhere Wertigkeit als im Westen.“
Allerdings: Wer Pflichten hat, sollte auch Rechte haben, findet die große Mehrheit der Deutschen und spricht sich dafür aus, dass Großeltern einen Zuschlag zur Rente erhalten, wenn sie in größerem Umfang Enkel betreuen. „Dahinter steckt wohl der Gedanke: Wenn die Erziehungsarbeit der Eltern materiell vergolten wird, warum dann nicht auch die der Großeltern“, erläutert Ruckdeschel. Die Mehrheit wünscht zudem ein eigenständiges Besuchsrecht der Großeltern, damit etwa bei einer Scheidung die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern nicht dem elterlichen Kampf ums Sorgerecht zum Opfer fällt.
Ginge es nach Volkes Stimme, gälte außerdem Folgendes: Stehen Eltern für die Erziehung der eigenen Kinder nicht mehr zur Verfügung – sei es aufgrund von Krankheit oder Tod, sei es, weil ihnen des Sorgerecht entzogen wurde –, so sollten grundsätzlich die Großeltern das Sorgerecht erhalten. Angelika Wölk aus der Uckermark ist anderer Ansicht. „Man sollte immer schauen, was am besten für die Kinder ist“, meint die 53-Jährige. „Ich denke, da muss wirklich im Einzelfall entschieden werden. Vielleicht hat das Kind eine besonders enge Beziehung zu einer Tante und weniger zu den Großeltern, die womöglich weit weg wohnen. Wichtig ist doch, wo das Kind sich wohlfühlt.“
Zum Glück wachsen die meisten Kinder bei den eigenen Eltern auf – aber eines ist ganz klar: Millionen Großeltern setzen jeden Monat, jede Woche, jeden Tag alles daran, dass es ihren Enkeln gut geht.

Opfer der Ehre
MITARBEIT: MARTINA MACH, GUILLAUME TIXIER, RHEA WESSEL
6. Februar 2011,Oberlandgarten, Berlin. Eine schweigende Menschengruppe steht an einem Gedenkstein vor einer Bushaltestelle in Tempelhof. Seit sechs Jahren treffen sie sich hier einmal im Jahr. An der von kahlen Platanen und unscheinbaren Wohnblocks gesäumten Straße wurde am 7. Februar 2005 die 23-jährige Hatun Sürücü erschossen. Ihr ist der Stein gewidmet – und „anderen Gewaltopfern in dieser Stadt“. Hatuns Tod war ein sogenannter Ehrenmord.
Ehrenmorde und Gewalt gegen Mädchen (manchmal auch Jungen), die dafür „bestraft“ werden, dass sie gegen die Traditionen von Familie oder Sippe, insbesondere die Zwangsheirat, verstoßen, sind in Deutschland ein ernsthaftes Problem. Kanzlerin Angela Merkel erklärte letztes Jahr die Bestrebungen, aus Deutschland eine gut integrierte, multikulturelle Gesellschaft zu schaffen, für „gescheitert“.
Aber es ist nicht nur ein deutsches Thema. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Praxis der „Ehrenverbrechen“ in vielen europäischen Staaten mit hohem Migrantenanteil wie Frankreich, Italien, Dänemark, Belgien, Niederlande oder Großbritannien verbreitet. Exakte Zahlen sind schwer zu bekommen, denn viele Todesfälle wurden bis vor Kurzem fälschlich als Suizide oder herkömmliche Morde eingestuft. Einige Experten sprechen von 100 000 Ehrenmorden.
Das Erschütterndste an den Ehrenmorden ist, dass sie geplant werden. „Die Täter können sich nicht damit herausreden, dass die Tat einem Affekt entsprang“, sagt die britische Anwältin Nazir Afzal, die sich auf Ehrenverbrechen spezialisiert hat. „Tatsächlich sitzt die gesamte Familie um den Tisch und entscheidet kaltblütig, dass die Tochter oder Ehefrau verletzt oder getötet werden soll. Jedes Detail wird geklärt: Wer die Frau töten soll, wo und wie der Mord geschieht und wie die Leiche beseitigt wird.“
2005 glaubte Hatun Sürücü endlich frei zu sein. 1999 floh sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann, mit dem sie als 16-Jährige zwangsverheiratet worden war, zu einem Cousin in Istanbul. Von ihm bekam sie einen Sohn, C¸an. Dann zog sie nach Berlin, zunächst in ein Heim für alleinstehende Mütter. Dort hatte sie ihre eigene Wohnung, zog ihren Sohn groß – nur ein paar Minuten zu Fuß von dem Ort, an dem sie später starb.
Die hübsche junge Frau mit dem schwarzen Haar und dem offenen, verbindlichen Lächeln stand kurz vor dem Abschluss ihrer Lehre als Elektrikerin. Sie lehnte das Kopftuch ab und konnte endlich frei entscheiden, welche Kleider sie trug, ob sie ins Kino ging oder tanzen – für Europäerinnen selbstverständlich, für ihre traditionell sunnitisch-kurdische Familie absolut tabu. Hatun hatte acht Geschwister, zwei von ihnen wurden in Deutschland geboren. Ihre Eltern kamen in den frühen 70er-Jahren aus Ostanatolien.
Der Vater erzog seine Kinder streng religiös und brach jegliche Verbindung zu Hatun ab, als sie sich für einen westlichen Lebensstil entschied. Dennoch glaubte und hoffte sie auf eine Aussöhnung mit ihrer Familie. Gerade hatte sie ihrer Mutter einen hölzernen Schemel geschenkt, den sie in der Schule selbst gefertigt hatte.
Deshalb war sie glücklich, als ihr jüngster Bruder, der 18-jährige Ayhan, sie besuchte. Sie plauderten in ihrer kleinen Küche, er zeigte sich erfreut darüber, dass sie einen Gebetsteppich hatte. Dann bat er sie, ihn zur Bushaltestelle Oberlandgarten zu begleiten. Auf dem Weg kaufte sich Hatun eine Tasse Kaffee. Dann verlangte Ayhan von ihr, sie solle „ihren Sünden abschwören“ und ihren Lebensstil aufgeben, wenn sie sich mit der Familie aussöhnen wolle. Da sie aus ihrer Ehe geflüchtet sei, Freunde gehabt habe und sich modern kleide, habe Hatun „die Ehre ihrer Familie beschmutzt“. Seiner Meinung nach hinge diese „vor allem vom makellosen Sexualleben der Frauen“ ab.
„Ich suche mir meine Freunde selbst aus“, beharrte sie. Als Hatun seine Forderungen zurückwies, zog Ayhan eine Pistole und schoss dreimal in das Gesicht seiner Schwester. Hatun war bereits tot, als sie zu Boden fiel. Als Notärzte und Polizei eintrafen, hatte sich der Kaffee mit ihrem Blut vermischt.
In Kreuzberg, auch „Klein Istanbul“ genannt, weil ein Drittel seiner Bevölkerung türkische Wurzeln hat, bewohnte Ayhans Familie eine Vierzimmerwohnung. Ayhan erzählte seiner 18-jährigen Freundin Melek, er habe Hatun töten müssen, weil er ihren „ehrlosen Lebensstil verachtete“. Jetzt schlafe er „so gut wie seit Jahren nicht“. Der Mord an Hatun hat Menschen in ganz Deutschland schockiert – aber nicht überall. Auf einem nahe gelegenen Schulhof applaudierten Schüler mit Migrationshintergrund. „Sie hat es verdient“, sagte einer, „sie hat gelebt wie eine Deutsche.“
Ayhan hat seine neunjährige Haftstrafe in einem Jugendgefängnis in der Zwischenzeit zur Hälfte abgesessen. Seine beiden Brüder hingegen, die wegen Mithilfe angeklagt waren, wurden freigesprochen. Sie verließen das Gericht mit zum Siegeszeichen erhobenen Händen und kündigten an, erst mal eine Party feiern zu wollen. Als ihr Freispruch 2007 in der Berufung aufgehoben wurde, hielten sich beide in der Türkei auf.
Der Tod von Hatun ist ein abscheuliches Verbrechen. „Die tägliche Gewalt gegen Frauen ist massiv, und es fehlt an Schutz für sie“, sagt Güls¸en Celebi. Die 38-jährige Rechtsanwältin aus Düsseldorf kommt selbst aus einer kurdischstämmigen Familie und verteidigt Opfer von Ehrenverbrechen. Eine ihrer Klientinnen, die ihrem gewalttätigen Ehemann entkommen war und um das Sorgerecht für ihre drei Kinder kämpfte, wurde nach einer Anhörung vor Gericht in Mönchengladbach von ihrem türkischen Exmann erschossen. Er hätte in Handschellen vorgeführt werden sollen, da ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Als seine 18-jährige Tochter die Polizei rief, tötete er auch sie. „Seiner Meinung nach“, sagt Celebi, „hatten ihn beide entehrt – die Frau wegen der Scheidung, die Tochter, weil sie gegen sein Verhalten rebellierte.“
„Ehrenverbrechen sind älter als der Islam, wie die Praxis der Genitalverstümmelung“, sagt die in Somalia geborene frühere niederländische Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali. Sie hält diese Verbrechen für ein in erster Linie muslimisches Problem. 2006 wurde Hirsi Ali wegen ihres Einsatzes von Reader’s Digest zur Europäerin des Jahres gekürt. Sie selbst war aus einer Zwangs- ehe geflohen. Sie weiß, „dass es Ehrenmorde unter koptischen Christen, Roma, Sikhs und Hindus gibt“. Doch sie ist der Überzeugung, dass die Gewalt im Islam ein integraler Bestandteil der sozialen Disziplin ist. „Eine muslimische Frau geht das Risiko ein, erschossen zu werden, wenn sie ohne ihren Bruder oder Vater das Haus verlässt.“ Hirsi Ali selbst hat immer Leibwächter um sich, denn auch sie erhielt Todesdrohungen.
Ehrenverbrechen haben nichts mit Religion zu tun, erklärt Sibylle Schreiber, Expertin bei Terre des Femmes, einer Organisation, die sich seit über 30 Jahren für die Menschenrechte von Frauen einsetzt. „90 Prozent der Mädchen, die um Hilfe bitten, erwähnen die Religion nicht als Problem.“ Ein Mädchen und ein Junge, die sich in der Schule treffen und sich ineinander verlieben, können beide Muslime sein. Dennoch entstehen leicht Probleme, wenn sie nicht aus derselben Sippe, demselben Dorf oder derselben sozialen Schicht stammen. Wird ihr Geheimnis entdeckt, gelten die jeweiligen Familien als beschmutzt, insbesondere die des Mädchens.
„Ehrenverbrechen stehen für überkommene Traditionen und Menschenrechtsverletzungen an Frauen“, sagt Schreiber. „Mädchen, die hier aufwachsen, geraten mit ihren Eltern in Konflikt.“ Es gilt zweierlei Maß: Türkische und kurdische Jungen haben vorehelichen Sex, doch erwarten sie von der Braut aus ihrer eigenen Kultur, dass sie noch Jungfrau ist.
Frauen, die misshandelt werden oder in Gefahr sind, der Ehre wegen getötet zu werden, können sich nicht auf den Schutz islamischer Scharia-Gerichte verlassen, die in Europa wie Pilze aus dem Boden schießen. Heiratet eine Frau erneut, verliert sie das Sorgerecht für ihre Kinder, und ihr neuer Mann muss Muslim sein. Ein Ehemann dagegen darf bis zu vier Frauen haben. Alle Kinder über sieben Jahre gehören vor dem Gesetz zu ihm, selbst wenn er gewalttätig ist.
Der Kampf gegen Ehrenverbrechen wird auf drei Arten geführt: durch Schutz, durch strafrechtliche Verfolgung sowie durch Aufklärung. Sicherheit ist für flüchtige Mädchen am wichtigsten, deshalb entstehen in ganz Europa Schutzräume.
Einer davon ist Papatya in Berlin, eine 1986 eröffnete Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen, die auch einen viel genutzten Beratungsdienst über E-Mail und Telefon anbietet. Hier finden Jahr für Jahr rund 65 junge Mädchen Unterschlupf. „Nach unserer Schätzung gab es zwischen 1996 und 2009 in Deutschland 88 Ehrenmorde“, sagt Eva, die Leiterin des Zentrums, die ihren vollständigen Namen nicht nennt, aus Angst, Familien der Mädchen könnten herausfinden, wo sie lebt und arbeitet.
Hazal Ates ist eine der Frauen, denen Papatya helfen konnte. Mit 13 Jahren verlobt, wurde Hazal als 16-Jährige mit einem älteren Cousin in der Türkei zwangsverheiratet. Täglich wurde sie sexuell und seelisch missbraucht. „Er lachte, wenn ich weinte, ich musste mich bedecken, wenn ich das Haus verließ“, erinnert sie sich. Hazal plante ihre Flucht. Zu ihrer Familie konnte sie allerdings nicht zurück. „Mein Vater sagte, wenn ich nach Hause zurückkehre, würde er mich umbringen.“
Dann bemerkte Hazal, dass sie schwanger war. Mithilfe einer Lehrerin fand sie den Weg zum Papatya-Krisenzentrum in Berlin, doch für die Geburt musste sie ins Krankenhaus. Sie verlor ihr Baby. „Die Familie meines Mannes fand heraus, in welcher Klinik ich lag. Sie beschuldigten mich, ihr Kind getötet zu haben, und drohten mir, mich umzubringen.“
Papatya fand für Hazal eine neue Bleibe in einer anderen deutschen Großstadt. Das war vor zwei Jahren. Heute macht Hazal, inzwischen 19 Jahre alt, eine Ausbildung als Verkäuferin, und sie lebt in ihrer eigenen kleinen Wohnung. Äußerlich sind ihr die Qualen, die sie durchlebt hat, nicht anzumerken. Sie lächelt und sagt: „Ich musste mich an die Freiheit erst gewöhnen. Aber ich bin selbstbewusst geworden, weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann.“
Rund 70 Prozent der Mädchen, die zu Papatya kommen, beginnen mithilfe von Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Pädagoginnen ein neues Leben. Und die übrigen 30 Prozent? „Einige gehen zurück, weil sie auf keinen Fall ohne ihre Schwestern leben möchten“, erklärt Eva. „Andere haben fürchterliche Angst, dass ihre Schwestern dafür bezahlen müssen, dass sie gegangen sind. Es bedarf unglaublichen Muts, ein neues Leben zu beginnen, wenn man niemanden kennt und niemals gelernt hat, wie man auf eigenen Füßen steht.“
Selbst wenn diese Frauen entkommen, machen ihre Familien sie oft ausfindig – indem sie Sozialversicherungs- oder Arbeitgeberdaten stehlen – und bringen sie mit erfundenen Geschichten über todkranke Mütter oder Schwestern dazu zurückzukehren.
Nach Jahren halbherziger Untersuchungen sammelt die europäische Polizei inzwischen Beweismaterial. Nicht nur über die Täter – sondern auch über diejenigen, die die Fäden ziehen und die Waffen besorgen.
2006 hat ein Gericht in Kopenhagen Geschichte geschrieben, als es sechs Mitglieder einer pakistanischen Familie für die Erschießung der 18-jährigen Ghazala Khan verurteilte, zwei Tage nachdem sie gegen den Willen ihrer Familie einen Afghanen geheiratet hatte. Auch Politikern wird das Thema langsam bewusst. In diesem Jahr ist geplant, dass die Parlamentarische Versammlung des Europarates ein Abkommen beschließt, das Gewalt gegen Frauen verhindern soll – Ehrenverbrechen sind darin ausdrücklich erwähnt.
„Wir müssen ein Zeichen setzen. Solche Verbrechen dürfen in einer demokratischen Gesellschaft keinen Platz haben“, sagt José Mendes Bota, der portugiesische Vorsitzende des Ausschusses für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. „Diese barbarische Praxis muss ein Ende finden.“ Experten glauben, dass die Unterdrückung der Frauen, wie sie seit Jahrhunderten in patriarchalischen Kulturen praktiziert wird, nur von Männern beendet werden kann.
Darum geht es in erster Linie beim Projekt „Berliner Helden“, das im Bezirk Neukölln seit 2007 läuft. Der Bezirk hat den größten Anteil arabischer und türkischer Migranten in der Stadt, aber er befreit sich zunehmend von seinem schlechten Image. „Berliner Helden“ begleitet junge Männer in ihrer Schul- oder Fachhochschulausbildung und unterstützt sie in Jugendzentren. Dort erfahren sie, wie man Konflikte gewaltfrei lösen kann.
Inzwischen gibt es 22 Helden. Einer von ihnen ist Hero Deniz. Der 21-Jährige kurdisch-türkischer Abstammung ist in Neukölln geboren und aufgewachsen. „Ich möchte jungen Männern aus ,Ehrenkulturen‘ zeigen, dass wir anders sein können“, sagt er. Acht weitere Städte planen eigene Projekte.
Eduardo Grutzky, Leiter des Stockholmer Shields-Projekts, das Jugendarbeitern und Lehrern dabei hilft, das Thema Ehrenverbrechen mit Jugendlichen aus allen Kulturkreisen zu diskutieren, warnt davor, derartige Verbrechen als ein Problem der anderen abzutun: „Wir müssen alle Menschen in unseren Gesellschaften ansprechen. Es ist nicht mehr nur ein Immigrantenproblem. Es ist unser Problem.“
Der Kinofilm „Die Fremde“ basiert auf Hatun Sürücüs Geschichte und erhielt 2010 den LUX, den Filmpreis des Europäischen Parlaments.

Kinder des Glücks

Nochmal mit Gefühl
Sie sind als Paar schon viele Jahre zusammen und im Grunde ganz glücklich. Aber etwas fehlt: Wo sind sie geblieben, die Küsse, die verliebten Blicke oder der spontane Rückzug ins Schlafzimmer? Ihre Liebe ist im Lauf der Zeit bequem, das Feuer der Leidenschaft zu partnerschaftlicher Wärme geworden. Nicht schlimm, aber vielleicht etwas langweilig. Reader’s Digest hat darum Forscher und Experten um Tipps gebeten, wie Sie Ihre Beziehung wieder zärtlicher, erotischer und romantischer gestalten können.
1> Distanz schafft Nähe
„Gerade in einer langen Partnerschaft kennt man sich fast zu gut, um noch darauf gespannt zu sein, was die nächste Begegnung bringt“, erklärt die Hamburger Paarberaterin Doris Willer. Sie empfiehlt Paaren nicht immer alles gemeinsam zu machen, sondern auch getrennt etwas zu unternehmen. „Probieren Sie ein neues Hobby aus, wie das Singen im Chor oder ein Sprachkurs an der Volkshochschule, genießen Sie einen Wochenendausflug ohne Familie – und gönnen Sie Ihrem Partner dasselbe. Es ist wichtig, dass wir unseren Partner inspirieren, nicht hemmen“, sagt Doris Willer. „Freuden und Erfahrungen außerhalb der Zweisamkeit sind essenziell.“ Denn eines ist sicher: Anschließend haben Sie sich wieder viel zu erzählen.
2> Erotische Wünsche neu kennen lernen
Dr. Eva Wlodarek, Psychologin der Experteninitiative female affairs (www.femaleaffairs.de), ist sich sicher: „Fehlt der Austausch über die erotischen Vorlieben oder die Aufgeschlossenheit für Wünsche des Partners, kann das leicht zu Frustrationen führen.“ Eine aktuelle Studie von female affairs zeigt: 66 Prozent der befragten Männer finden es wichtig für eine Beziehung, erotische Wünsche zu formulieren. Doch bei der Umsetzung hapert es: 62 Prozent der Männer gaben zu, nicht immer offen über ihre Wünsche zu sprechen, 10 Prozent sogar, dass sie sich nicht trauen, es zu tun. Frauen geht es ähnlich – aus Angst vor Zurückweisung.
Wie spricht man also an, wonach man sich erotisch sehnt? Eva Wlodarek nennt die wichtigsten Regeln: „Es wäre wenig klug, den Partner im Bett auf neue Wünsche anzusprechen – beim Sex ist niemand offen für Verbesserungsvorschläge. Aber auch ein, Wir müssen reden‘ hilft nicht weiter. Passen Sie lieber eine schöne Situation ab, in der beide gut gelaunt sind und offen, beim Spaziergang zum Beispiel.“
Achten Sie darauf, keinen Vorwurf, sondern Ihren Wunsch zu formulieren . Nicht: „Warum machst du nie…“, sondern: „Ich würde gerne…“
Wenn Sie dabei auf etwas stoßen, das Ihr Partner nicht erfüllen möchte, sollten Sie das aber auf jeden Fall akzeptieren, betont Wlodarek: „Ein Nein ist ein Nein. Zwei Menschen haben praktisch nie dieselben erotischen Wünsche, und was beide im Bett tun, sollten auch beide wollen. Dennoch würde ich raten, darüber im Gespräch zu bleiben. Nur so können Sie die Gründe des Partners erfahren und ihn besser verstehen – oder ihm etwaige Ängste nehmen.“
3> Hausarbeit macht Männer attraktiv
Studien des amerikanischen Psychologen Joshua Coleman und des Soziologen Scott Coltrane zufolge finden Frauen Männer, die zu Hause mithelfen, sexuell attraktiver als Haushaltsmuffel, die nur die Beine hochlegen. „Die Frauen sagten uns, sie fühlten sich sexuell mehr von ihren Männern angezogen, wenn diese sich an der Hausarbeit beteiligen“, erklärt Joshua Coleman. Das ist nun wirklich ein guter Grund, mit anzupacken!
4> Ganz verspielt
Eingefahrene Verhaltensweisen im Bett lassen sich oft spielerisch verändern. „Wenn Paare unzufrieden sind mit der Erotik und einer das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, empfehle ich den Partnern, beim Sex ein paarmal die Rollen zu tauschen“, sagt Sexualtherapeutin Doris Willer. „Abwechselnd darf jeder beim Sex den Ton angeben und führt und verführt den anderen.“ Einmal sind Sie dran, dann Ihr Partner, und beim nächsten Mal ist es umgekehrt. Dabei geht es nicht darum, wilde erotische Träume zu erfüllen, sondern zu vermeiden, dass in der Liebe alles läuft wie immer. „Denn nur wenn Sie etwas anders machen, kann das heiß ersehnte Prickeln wieder entstehen“, erklärt Willer.
5> Die Zuneigung pflegen
Sie wünschen sich wieder mehr Romantik im Beziehungseinerlei? Stärken Sie die Zuneigung und die Bewunderung für Ihren Partner. Das jedenfalls rät der berühmte amerikanische Therapeut John Gottman. Den Partner wertzuschätzen lässt sich üben. Zum Beispiel, indem Sie aufschreiben, was Sie konkret an Ihrem Lebensgefährten mögen, und sich dazu an eine Begebenheit erinnern, an der er oder sie diese schöne Eigenschaft zeigte.
6> Die Lust einladen
„Wer hat eigentlich festgelegt, dass Lust immer die Voraussetzung für Sex sein muss“, fragt die Aachener Sexualwissenschaftlerin und female-affairs-Expertin Dr. Ulrike Brandenburg. „Und warum wiegt der Satz ,Ich habe keine Lust‘ immer schwerer als ,Gemeinsamer Sex würde uns mal wieder gut tun‘?“ Nehmen Sie die eigenen Lustvermeidungsstrategien unter die Lupe, probieren Sie auch Sex einfach mal so. Statt zu warten, bis die Lust uns überkommt, was in langen Partnerschaften doch eher selten ist, schlägt die Paartherapeutin vor, die Initiative zu ergreifen und „absichtlich“ intim zu werden. Ist die Lust eingeladen, kommt sie gerne.
7> Besserer Sex durch Sport
„45 Minuten Ausdauertraining oder ein kurzes, intensives Krafttraining kurbelt den Hormonhaushalt bei Männern auf ideale Weise an“, sagt Urologe Frank Sommer, Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Das hilft auch der Libido auf die Sprünge. Und eine Studie von Nike Women ergab, dass junge Frauen, die sportlich aktiv sind, mehr Spaß am Sex haben als inaktive Frauen. 12 Prozent gaben sogar an, Sport hätte ihr Sexualleben verbessert, und jede Zehnte sagte, ihr Lustempfinden sei gesteigert.
8> Raum für Nähe schaffen
Sie sind zu gestresst für die Liebe zwischen Beruf, Familie und Erledigungen? Dann sollten Sie nach Freiräumen suchen, die Sie bewusst für Liebe und Zärtlichkeit einplanen. Paarberaterin Doris Willer empfiehlt: „Verabreden Sie sich, egal ob zum Gespräch oder zum Sex. Räumen Sie Ihrem Partner einen festen Platz in Ihrem Terminkalender ein. Denn ein gutes Gespräch, intensive Nähe funktionieren nicht nebenbei beim Essenkochen oder Wäschewaschen.“
9> Ein gutes Körpergefühl
hebt die Laune Eine Umfrage von female affairs ergab: Kaum eine Frau ist hundertprozentig glücklich mit ihrem Körper. Das kann dazu führen, dass sie bestimmte Stellungen meidet, eine eher passive Rolle beim Sex spielt, weniger erotische Gefühle entwickelt. „Prüfen Sie, ob die körperlichen Normen, die Sie im Kopf haben, Ihnen und Ihrer Liebe gut tun“, rät Dr. Brandenburg den Frauen. „Wenn nicht – nichts wie raus damit!“ Hören Sie auf, sich an fremden Idealen zu orientieren, sich ständig zu vergleichen. Sie sind schön, so wie Sie sind. Der Rat an die Männer: Sagen Sie der Frau an Ihrer Seite immer wieder, dass Sie ihren Körper so lieben, wie er ist. Das kann enorm befreiend wirken für Lust und Liebe.
10> Kein Fernsehen im Schlafzimmer!
Fernsehen ist die perfekte Ablenkung – das gilt leider auch für den Sex. Die Psychologin und Sexualforscherin Serenella Salomoni aus Padua stellte in einer Befragung von 523 italienischen Paaren fest: Waren sie im Bett ungestört, hatten sie im Durchschnitt zweimal in derWoche Sex. Sobald aber ein Paar sein Schlafzimmer mit dem TVGerät teilte, halbierte sich die Leidenschaft auf einmal Sex proWoche.
11> Erzählen und Zuhören
„Es tut unendlich gut und stellt große Nähe her,wenn der andere merkt, dass man gut zuhört, versteht, etwas nachempfinden kann“, erklärt Paarberaterin Doris Willer. Es geht weniger um großartige Inhalte im Gespräch als vielmehr um die Botschaften, die Sie mit dem Zuhören oder Erzählen senden und empfangen. Also erzählen Sie Ihrem Partner von kleinen Höhepunkten oder Tiefschlägen im Job und anderswo, und wenn er erzählt, hören Sie gut zu. Die Gefühlswelt des anderen zu verstehen und verstanden zu werden ist ein Geschenk.
Eine Garantie für mehr Gefühl und Zärtlichkeit kann Ihnen niemand geben. Aber Sie können selbst viel dafür tun. „Die Liebe“, schrieb schon Theodor Fontane, „lebt von liebenswürdigen Kleinigkeiten.“
Eingereicht von CHRISTIANE KOLB

Das Model im Rollstuhl
Ginge es nach Sita, der achtjährigen Briard-Hündin, dann wäre jetzt die ideale Zeit für einen Spaziergang. Draußen, auf der Hauptstraße des Örtchens Kirkel, wo die Menschen am Samstag den Staub in die Rinnsteine kehren, wo die grünen Hügel des östlichen Saarlandes locken, wo sich im Wald ein Bach nach Lautzkirchen schlängelt. Aber Ines, ihr Frauchen, hat keine Zeit, denn Tim soll Mittagsschlaf halten. Wobei der Vierjährige natürlich auch hinaus will, am liebsten sofort. „Ich schäle dir eine Kiwi“, sagt Ines zu ihrem Sohn, „die macht groß und stark, damit du später rennen und toben kannst.“
Rennen und toben.
Hüpfen und springen.
Tanzen und stehen.
„Meine Mama kann nicht stehen“, erklärt Tim. „Die hat da was am Rücken, aber ist nicht so schlimm.“ Ines Kiefer rollt mit ihrem Rollstuhl in die Küche und holt ein Messer für die Kiwi. Während sie um die Ecke biegt, quietschen die Gummireifen auf dem Parkett.
„Da hinten hat sie was.“ Tim versucht zwischen sich und die Stuhllehne zu greifen, aber sein Arm ist ein bisschen zu kurz. „Ist nicht schlimm.“
Im Sommer vor zehn Jahren war im Leben von Ines Kiefer auch so ein Tag, an dem sie am liebsten mit ihrem Hund und ihrem damaligen Freund durch den Wald gehüpft wäre. Sie war 19 und hatte in Bayreuth eine Stelle als Hotelkauffrau gefunden. Die Arbeit machte ihr Spaß, vor allem der Kontakt mit den Menschen, auch wenn sie manchmal davon träumte, Model zu werden. „Wenn Sie Kontakt mit Menschen haben“, sagte ihr Chef, „dann brauchen Sie ein Attest, dass Sie gesund sind.“ Am Spätnachmittag dieses Sommertages hatte sie dazu einen Termin in der Praxis. „Alles Routine“, sagte der Arzt zunächst. Dann, später, deutete er auf eine dunkle Stelle auf dem Röntgenbild. „Da ist irgendwas an den Rippen“, sagte er, „lassen Sie das mal in der Klinik untersuchen.“
Im Krankenhaus diskutierten die Mediziner zunächst, ob sie die Stelle punktieren oder ob sie operieren sollten. Schließlich operierten sie sofort, denn die Gefahr, dass dort ein bösartiger Tumor wuchs, schien ihnen zu groß. Ines Kiefer bekam eine Narkose, die letzten Worte, die sie hörte, waren: „Sie werden jetzt ganz müde ...“
An die nächsten Tage hat sie nur eine sehr bruchstückhafte Erinnerung, weil sie nie richtig aus der Betäubung aufgewacht ist. Jedenfalls erzählte man ihr hinterher, dass sie auf der Intensivstation noch im Halbschlaf gejammert haben soll, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen könne. Daraufhin flog man sie mit dem Hubschrauber in ein großes Klinikum, wo eine Kernspintomographie gemacht wurde, eine dreidimensionale Darstellung des Brustraums. Und als die Ärzte die Bilder sahen, begann von einer Sekunde zur nächsten ein Wettlauf gegen die Zeit. Beim ersten Eingriff war offenbar nicht alles nach Plan verlaufen, und wenn sie es mit einer Notoperation nicht in kürzester Zeit schafften, die inneren Blutungen zu stoppen, würde Ines Kiefer sterben.
Ines Kiefer, die noch vor drei Tagen mit ihrem Hund über die Wiesen gejagt war und daran gedacht hatte, mal wieder im Meer zu schwimmen.
Aber es würde nie wieder sein wie früher, denn das Blut hatte auf das Rückenmark zwischen dem fünften und siebten Brustwirbel gedrückt. So sehr, dass Ines Kiefer gelähmt bleiben würde.
Die Notoperation fand an einem Mittwoch statt, und in der Nacht zum Donnerstag wurde die Patientin auf der Intensivstation wach. Das Licht war gedimmt, nur ein paar Monitore leuchteten. Mit ihrer rechten Hand griff sie nach der Klingel, mit der man eine Schwester rufen kann. „Alles in Ordnung, Frau Kiefer?“, fragte der herbeigeeilte Pfleger. „Nein, nichts ist in Ordnung“, sagte sie, „mir ist langweilig.“
Indenfrühen Morgenstunden, endlich, kamen ihre Eltern. Ihre Mutter hatte offensichtlich viele Beruhigungsmittel genommen, ihr Vater weinte.
Das machte auch Inestraurig,tief traurig,dennsie hatte ihn noch nie zuvor weinen sehen.Sieredeten kaum. Was sollten sie ihr auch sagen? Ihrerhübschen Tochter, der die Jungs auf der Straße stets sehnsüchtige Blicke zugeworfen hatten und die jetzt in diesem Krankenbett lag.
„Wie geht es weiter?“, fragte Ines.
„Wir verlegen Sie auf eine normale Station“, antwortete der Arzt. Was bedeutete, dass sie außer Lebensgefahr war. Trotzdem hatte Papa geweint.
„Natürlich fragen mich die Leute ständig“, erzählt sie heute, „wie das war, als ich aufgewacht bin und registrierte, dass ich gelähmt war.“ Das müsse doch ein Schock gewesen sein, sagen sie. Und ob sie überhaupt noch leben wollte. Ob sie verzweifelt war. Wütend. Ängstlich. Deprimiert.
„Eigentlich gar nichts, nichts von alldem“, sagt sie dann, „ich habe am Anfang gar nicht an die Lähmung gedacht. Das klingt komisch, aber es vergingen drei oder vier Tage, ehe ich meinen ersten hysterischen Anfall bekam und hemmungslos in die Kissen heulte. Danach ging es mir wieder besser.“
Das lag vielleicht auch an Jasmin, ihrer Zimmernachbarin auf der Reha Station. Die war erst 16 und konnte seit einem Sprung in ein Schwimmbad, in dem das Wasser zu niedrig war, nicht mal mehr die Finger bewegen.
„Hey, ich bin Jasmin“, rief sie, als Ines auf die Station geschoben wurde.
„Ich bin Ines.“
„Ab wo geht nichts mehr bei dir?“
Ines deutete auf eine Stelle unterhalb der Brust. „Ab hier abwärts. Und bei dir?“
„Ab dem Hals“, sagte Jasmin, „auch abwärts.“
Die Ärzte kamen, machten ein betroffenes Gesicht und hatten immerhin drei gute Nachrichten. Die Lähmung habe ihr das Leben gerettet, denn ohne sie wäre die Blutung gar nicht entdeckt worden. Und: Ja, sie könne irgendwann Kinder bekommen. Und: Nein, die Lähmung müsse nicht so bleiben, vielleicht komme das Gefühl so weit wieder zurück, dass sie sogar stehen könne. Dies zeige sich in den ersten drei Monaten.
Der schönste Augenblick in diesen drei Monaten, in denen sie sich oft verzweifelt fühlte, war für Ines Kiefer jener, als sie zum ersten Mal das Bett verlassen und in einem Rollstuhl sitzen durfte. „In diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass es zumindest weitergeht“, erzählt sie. Sie übte Kurven zu fahren und bergab zu bremsen, durch eine enge Wohnung zu rollen und in ein Auto zu steigen.
Mehr Gefühl in den Beinen bekam sie aber nicht. „Ich spürte, dass sich nichts verändert, und wusste, dass mein Zustand endgültig ist.“
Ihr damaliger Freund, der sie so oft wie möglich im Krankenhaus besucht hatte, verschwand von heute auf morgen. „Er konnte nicht mehr“, erklärt sie, „und ich war ihm auch gar nicht böse. In unserer Beziehung stimmte schon vor dem Unglück nicht mehr alles, und die Vorstellung, dass er nur deshalb bei mir bleibt, weil er Mitleid hat, wäre für mich unerträglich.“
Einige Wochen später schrieb er ihr, dass es ihm leid tue.
Das sagte auch der Assistenzarzt, der damals bei der Unglücks-Operation dabei war, als er sie während der Reha besuchte. Der verantwortliche Chirurg hat sich nie gemeldet. „Wie konnte das passieren?“, fragte Ines Kiefer. „Wir wissen es nicht“, antwortete der Arzt. War es ein Kunstfehler? War es einfach nur Pech? Fragen, auf die es nie eine Antwort geben wird, zumindest nicht juristisch, denn das Krankenhaus bot einen Vergleich an, den Ines Kiefer annahm.
Ein halbes Jahr nach dem Unglück arbeitete die damals 19-Jährige wieder im Hotel, nicht mehr an der Rezeption, sondern im Büro. Nachts und an freien Tagen chattete sie im Internet auf einem Portal für Behinderte und teilte ihre Sorgen mit anderen.
Im Chat lernte sie schließlich einen Mann kennen, der keine Behinderung hatte. Sie nannte ihn den „Fußgänger“.
Als der Fußgänger an einem Wochenende aus dem Saarland nach Bayreuth kam, verliebten sich die beiden, und bald darauf zog sie zu ihm in das kleine Dorf, an dessen Rand sich im Wald ein Bach nach Lautzkirchen schlängelt und die Menschen den Staub in die Rinnsteine kehren. Mit dem Geld aus dem Vergleich mit dem Krankenhaus baute das Paar ein barrierefreies Haus, Ines setzte die Pille ab und war zwei Monate später schwanger. „Ich war so glücklich“, erzählt sie. „Dass ich im Rollstuhl sitzen musste, war ärgerlich, aber das ließ sich alles organisieren.“ Sie spürte das Kind hin und wieder in ihrem Bauch, denn ihre Lähmungslinie läuft nicht exakt waagerecht durch den Rumpf, sondern fühlt sich mal ein bisschen höher, mal ein bisschen niedriger an.
Tim kam per Kaiserschnitt zur Welt und war sofort der Mittelpunkt der Familie. Endlich nicht mehr sie und ihre Geschichte. Ihr Schicksal kannten ja alle schon, alle Verwandten, alle im Dorf, und deren anfängliches Mitleid wich Bewunderung. „Toll, wie sie das schafft“, sagten die Leute.
Aber als Tim eineinhalb Jahre alt war und laufen konnte, verließ der Fußgänger die Familie. „Meine Behinderung hat dabei kaum eine Rolle gespielt“, sagt Ines Kiefer. „Unsere Interessen waren einfach total verschieden. Außerdem schaffte ich das auch alleine.“
Sie fand einen Ganztagsjob im Ministerium für Wirtschaft und Wissenschaft in Saarbrücken, in dem sie bis heute beschäftigt ist. Und eines Tages las sie zufällig im Internet von „Beauties in Motion“, einem Modelwettbewerb für Frauen im Rollstuhl. „Nach der Trennung hatte ich darauf richtig Lust, um mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen“, sagt sie, „also bewarb ich mich.“ Und Ines Kiefer gewann tatsächlich unter 218 Kandidatinnen den Sonderpreis: ein Foto shooting für ein Kosmetikunternehmen! „Ich war wahnsinnig stolz. Und gleichzeitig hatte ich jetzt ein Hobby, mit dem ich in Zukunft ein bisschen Geld dazuverdienen konnte.“
Das war 2007, und der Kalender, der bei dem Modelwettbewerb entstanden ist, hängt im Wohnzimmer neben der Küche. Ines ist das April-Mädchen. Sie ist wunderschön.
Sita, die Hündin, möchte nach draußen, und Tim zögert den Mittagsschlaf hinaus, indem er seine Kiwi möglichst langsam isst.
Seine Mutter rollt um die Ecke, die Reifen quietschen, er setzt sich auf ihren Schoß. „Da hinten hat sie was“, sagt er. „Es geht mir gut“, sagt sie.
Wenn eine Fee ihr drei Wünsche erüllen könnte, würde sie zwei dafür verwenden, dass ihr Sohn gesund bleibt. Und einen dafür, wieder gehen zu können. Nicht wegen ihr, sondern wegen Tim, der so gern im Garten herumtollt und Quatsch macht. Da würde sie gern mitmachen.
„Aber im Bett kuscheln wir“, sagt er. „Ja, im Bett kuscheln wir ganz wild“, antwortet sie.
Seit einem Jahr gehört auch Thomas zu der kleinen Familie. Ein Fußgänger aus jenem beschaulichen Dorf, an dessen Rand sich die grünen Hügel erheben. „Ja klar, ich möchte noch ein Kind“, sagt Ines. Dann legt Sita ihr die Schnauze auf den Schoß, und Tim schmiegt sich zärtlich an ihre Schulter. Sie fährt vorsichtig Richtung Kinderzimmer, so, dass sie mit ihrem Rollstuhl nirgendwo anstößt. Tim, der eingenickt ist, soll sich nicht erschrecken. Er soll nicht weinen. Nicht wegen ihr.
Eingereicht von VON GABRIEL BRECHTMANN
Wenn die Kinder flügge werden
Ende September 2008 kehrte in das Haus von Anneliese und Georg Heinen ungewohnte Ruhe ein: kein morgendlicher Stau mehr vor dem Bad, keine Musik aus den Kinderzimmern, keine neuen Geschichten über Schule und Freunde beim Essen. Innerhalb eines Jahres waren die Kinder der Heinens aus dem Elternhaus im Eifeldorf Hoffeld nahe des Nürburgrings (siehe Seite 96) ausgezogen: Sohn Michael, 21, begann im April sein Studium in Koblenz, Beate, 18, wechselte im August auf ein Gymnasium in Trier, und Edith, 20, studiert seit Oktober in Wiesbaden. „Im Haus ist nichts mehr zu hören, das ist manchmal schon komisch“, erzählt die 44-jährige Anneliese Heinen.
Es war dem Ehepaar klar, dass sich das Nest rasch leeren würde, hätten die Kinder erst einmal die Schule beendet. Trotzdem unterstützten sie die drei beim Entschluss, für eine qualifizierte berufliche Ausbildung auszuziehen. „Ich habe mich am Anfang sogar richtig darauf gefreut“, gesteht Georg Heinen. Ein Freund hatte dem 54-Jährigen einmal scherzhaft gesagt: Wenn der Hund tot ist und die Kinder aus dem Haus sind, fängt das Leben neu an. „Diesen Gedanken des Neubeginns hatte ich im Kopf“, erklärt Heinen. „Ich wusste ja nicht, was für Sorgen ich mir machen würde.“
Wenn ihre erwachsenen Kinder flügge werden, beginnt für Eltern ein neues Kapitel im Leben. Schritt für Schritt haben sich die Töchter und Söhne seit der Pubertät von ihnen gelöst, fahren nicht mehr mit in den gemeinsamen Familienurlaub und sind im Elternhaus oft nur noch auf der Durchreise zu Freunden.
Der Auszug markiert dann den vielleicht wichtigsten Meilenstein auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Danach werden die Karten der Beziehung neu gemischt, und Kinder und Eltern begegnen sich immer mehr auf Augenhöhe. Die meisten Mütter und Väter sind zwischen 55 und 65 Jahre alt, wenn Töchter und Söhne endgültig das Elternhaus verlassen. Die Paare treten nun in die „nachelterliche Phase“ ein, die im Durchschnitt zwischen 30 und 35 Jahre dauert – oft der längste Abschnitt in ihrem Lebenslauf!
Daran ändert auch nichts, dass die nachelterliche Phase immer später beginnt, weil der Nachwuchs tendenziell immer später auszieht. Für die Geburtsjahrgänge 1929 bis 1957 ermittelten Forscher noch ein stetiges Absinken des Auszugsalters auf 20 Jahre bei Töchtern und 22 Jahre bei Söhnen. Bei den Jüngeren hat sich dieser Trend umgekehrt. Heute leben Kinder im Durchschnitt bis zum Alter von 25 Jahren im elterlichen Haushalt.
Experten machen dafür die längeren Ausbildungszeiten und den unsicher gewordenen Arbeitsmarkt verantwortlich. Söhne bleiben im Schnitt zwei bis drei Jahre länger im Nest als Töchter. Manche halten es dort noch viel länger aus: Mit 30 Jahren wohnen 14 Prozent und mit 40 Jahren noch 4 Prozent der Männer bei den Eltern, bei den Frauen haben nur 5 Prozent der 30-Jährigen und 1 Prozent der 40-Jährigen den Absprung noch nicht geschafft.
In den ersten Wochen nach dem Auszug stand Georg Heinen innerlich oft unter Spannung. „Rief eines der Kinder an, dachte ich sofort, jetzt ist etwas passiert“, erzählt er. Hatte eines einen Unfall? Hat es gebrannt? Sind alle wohlauf? „Als die Jüngste mit damals gerade 17 Jahren ausgezogen war, hätte ich anfangs am liebsten jeden Abend gefragt: Warum ruft sie nicht an?“ Heinens Gedanken drehten sich um bange Fragen: Kommen die Kinder in der neuen Umgebung zurecht? Leben sie sich in ihren Wohngemeinschaften gut ein, oder geraten sie womöglich in schlechte Gesellschaft?
Die Gelassenheit seiner Frau und die allmähliche Gewissheit, dass alle drei Kinder mit der neuen Situation sehr gut klarkamen, beruhigten ihn mit der Zeit. Auch die Erinnerung an die eigene Jugend half ihm, die Situation besser zu verarbeiten. Er erinnerte sich an seinen eigenen Freiheitsdrang, mit dem er damals seine Mutter viel unverblümter konfrontiert hatte, als seine Kinder es jetzt bei ihm tun. „Heute finde ich es schön so. Ich freue mich über die Ruhe im Haus und die freie Zeit mit meiner Frau. Aber ab und zu packt mich doch eine Welle von Wehmut und Sorge“, erzählt Heinen. „Dann muss ich mir noch mal deutlich selber sagen, dass das mit dem Auszug der Kinder schon in Ordnung ist.“
#@#@#Der Auszug des letzten Kindes markiert für die Eltern einen großen Umbruch: Sie stehen vor einer echten Herausforderung in ihrer Partnerschaft und an der Schwelle zum Altwerden. Doch die Vorstellung, dass die Mehrheit der Paare dies als schwere Lebenskrise empfindet und jahrelang ihr leeres Nest über Gebühr betrauert, stimmt so nicht – sagen Experten. Denn mit den Kindern gehen auch viele Belastungen und Verpflichtungen. Mütter wie Väter bewältigen den Übergang zur Nach- elternschaft meist gut, hat die Diplompsychologin Christiane Papastefanou bei einer Studie für die Universität Mannheim herausgefunden. „Angesichts des zögerlichen Auszugsverhaltens der Kinder kann die Situation heute sogar ganz anders aussehen: Manche Eltern sehnen sich nach ihrer Freiheit, um endlich wieder ihren Bedürfnissen nachgehen zu können“, sagt die Wissenschaftlerin.
Unter dem klassischen „Empty-Nest-Syndrom“, also dem leeren Nest, mit großem Schmerz, Selbstzweifeln und dem Verlust des Selbstwertgefühls leiden am ehesten Mütter, die sich ausschließlich um die Kindererziehung und den Haushalt gekümmert haben und denen mit dem Auszug der Kinder ein großer Teil ihres Lebensinhalts wegbricht.
Doch der Anteil von Frauen, die ausschließlich Hausfrauen sind, wird ständig kleiner. Mütter steigen immer früher zumindest mit Teilzeitjobs wieder ins Berufsleben ein und erhöhen die Zahl der bezahlten Arbeitsstunden oft mit steigendem Lebensalter ihrer Kinder. So findet auch ihr eigener Ablöseprozess nicht Knall auf Fall, sondern in Etappen statt: Die richtige Strategie, bestätigen Experten.
Viele Eltern sehen das Selbstständigwerden des Nachwuchses mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Gleich nach der Trennung sind ambivalente Gefühle typisch, wie sie die Psychoanalytikerin Claudia Sies aus Neuss im Rheinland beschreibt: „Meistens handelt es sich um eine Mischung aus Trauergefühlen, die in Grenzen gehalten werden durch Neugier – und zwar auf beiden Seiten: bei den Kindern auf die Welt, bei den Eltern ausgedrückt in der Frage: ‚Wer werden wir sein ohne Kinder?‘“
Seit ihre Tochter Rebekka nicht mehr mit ihr unter einem Dach wohnt, fühlt Andrea Zamara eine gewisse Leere. „Natürlich war mir klar, dass wir irgendwann wieder als Eltern alleine dastehen“, sagt sie. „Aber es ist schon ein Unterschied, darüber nachzudenken und es dann zu erleben.“ Im Januar zog die 20-jährige Abiturientin in die USA, wo sie ihr Englisch aufbessern will.
Wie sehr die Trennung von ihrem Kind sie anrühren würde, hatte die Mutter nicht erwartet. Andrea Zamara pflegt eine innige und offene, aber auch konfliktreiche Beziehung zu ihrer Tochter. Und sie ist das Gegenteil von einem Hausmütterchen. Schon vor dem zweiten Geburtstag von Rebekka arbeitete die Sozialpädagogin wieder auf einer Teilzeitstelle und wechselte sich mit ihrem Mann in der Kinderbetreuung ab. Auch heute sind Zamaras Tage sehr ausgefüllt: Die Kölnerin engagiert sich stark in ihrer Arbeit in einem Mädchentreff und hat viele private Interessen.
Äußerlich läuft alles rund, der häusliche Alltag ist planbarer und strukturierter, seit der Wirbelwind fort ist, doch innerlich spürt sie durch die Ablösung eine zweifache Zäsur: Die Kindheit der Tochter ist endgültig vor-bei, und ihr eigenes Alter wird zum Thema. „Auf einmal nimmt man am eigenen Kind wahr, wie alt man ist. Das beschäftigt mich“, berichtet die 52-Jährige. „Es gibt aber auch Positives. Mein Mann und ich haben wieder ganz andere Themen. Es geht nicht darum, was das Kind sagt, sondern um uns selbst. Das ist gut.“
#@#@#Aber nicht alle Elternpaare erfahren den Auszug ihrer Kinder als letztendlich anregend für ihre Beziehung wie die Heinens und Andrea Zamara und ihr Mann. Manche sind von der neuen Zweisamkeit in ihrer Lebensmitte schlicht überfordert, hat Psychoanalytikerin Claudia Sies festgestellt: „Sie graben dann alte Konflikte immer wieder aus, anstatt sie beizulegen.“
Zu ihrer ehemaligen Nähe und Liebe finden sie nicht mehr zurück, Streit oder Schweigen bestimmen den Alltag. Manche lägen regelrecht auf der Lauer, um sich endlich scheiden zu lassen, nachdem die unmittelbare Verantwortung für das Kind wegfällt. „Die Ehepartner verstehen sich nur noch als Mutter und Vater“, sagt Sies. Umso wichtiger ist es, während der Elternphase die Paarbeziehung zu pflegen (siehe auch Interview mit Expertin Papastefanou auf Seite 46).
Dazu kommt: Frauen und Männer haben häufig genau gegensätzliche Wünsche an die nachelterliche Phase: Während Mütter, befreit von den langjährigen häuslichen und erzieherischen Pflichten für den Nachwuchs, in Aufbruchstimmung geraten, sich fortbilden oder Freundschaften intensiv pflegen, ziehen sich die Männer mit Mitte 50 gerne in die häusliche Geborgenheit zurück. Sie müssen beruflich nicht mehr so hart kämpfen, merken an ersten körperlichen Beschwerden, dass sie älter werden, und versuchen ab und zu, die verpasste Zeit mit den Kindern nachzuholen – was den Nachwuchs in Aufbruchstimmung manchmal schwer irritiert.
Dennoch: Oft sind es gerade die Väter, die die Kinder in der Phase des Auszugs nachhaltig unterstützen und zum gefragten Ansprechpartner werden: „Es liegt zu einem guten Teil an ihnen, den Jugendlichen erstens Mut zu machen, ihren Weg zu gehen, und sie zweitens sanft hinauszudrängen“, erläutert die Wiener Psychologin Ulrike Sammer, Autorin des Ratgebers Kinder werden flügge.
Über eines sind sich die Experten einig: Am besten kommen Eltern mit dem Auszug ihrer Kinder klar, wenn sie auch schon vorher darauf geachtet haben, ihren Lebenssinn nicht nur in der Rolle als Mutter oder Vater zu sehen, sondern sie selbst geblieben sind.
Anneliese und Georg Heinen sind nach dem Auszug der Kinder nicht in ein Loch gefallen. Das lässt schon ihre berufliche Selbstständigkeit mit eigener medizinischer Massagepraxis während der Woche und eigener Wein- und Bierstube am Wochenende nicht zu. Die beiden gehen jetzt regelmäßig wandern und lernen im Tanzkurs mit Freunden Rumba, Cha-Cha-Cha und Samba. Sie fühlen sich wohl.
Wenn Michael, Edith und Beate am Wochenende zu Besuch kommen, verbringen sie mehr Zeit mit ihren Eltern und im Kreise der Geschwister als früher. „Unseren Kindern tut es gut, woanders zu wohnen“, bilanziert Anneliese Heinen. „So können wir umso mehr genießen, dass wir wieder wirklich freie Zeit haben, in der wir uns um nichts Gedanken machen müssen als um uns selber.“
Eingereicht von CARMEN MOLITOR
Prima Klima für Ihr Zuhause
Die Wohnzimmereinrichtung im schicken Antik-Look gefiel Helga und Günther Schröder auf Anhieb. Nach fast 30 Jahren wünschte sich das Hamburger Rentnerehepaar neue Möbel. Doch mit der gebeizten Holzkombination zogen die Probleme ein. Regelmäßig plagten auf einmal Kopfschmerzen und Unwohlsein die Eheleute. Dennoch brachten sie ihre Beschwerden nicht gleich mit den neuen Möbeln in Zusammenhang. Erst im Urlaub fiel ihnen auf, dass sie sich umso besser fühlten, je weniger sie sich im Wohnzimmer aufhielten. Die beiden schalteten eine Sachverständige ein, die nach verschiedenen Messungen die Möbel als Quelle des Übels identifizierte.
Wenn Gebäude krank machen
Doris Schünemann, Vorstandsmitglied im Berufsverband Deutscher Baubiologen VDB e. V., kennt aus der Beratungspraxis viele ähnliche Fälle: Möbel, Teppiche, Tapeten, Farbe, Bauschaum, Parkettkleber – die Liste potenzieller Luftverunreiniger ist so lang wie die Zahl Ihrer Einrichtungsgegenstände. Im Produkt enthaltene Stoffe gelangen als sogenannte flüchtige organische Verbindungen in die Raumluft, darunter auch giftige Substanzen wie Pestizide, Weichmacher, Benzol, Asbest oder Formaldehyd.
Auch wenn die Ausdünstungen eines einzelnen Teils oft unbedenklich sind, können sich in der Summe oder bei großen Flächen durchaus kritische Werte ergeben. „Ausgerechnet zu Hause, wo wir uns vor Abgasen oder Feinstaub sicher fühlen, ist die Luft oft schlechter als draußen“, warnt Baubiologin Schünemann. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen bestimmten Einrichtungsobjekten und Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindelgefühl oder Juckreiz ist allerdings nicht immer eindeutig nachzuweisen.
Dass Gebäude krank machen können, gilt medizinisch jedoch als Fakt. Umweltärzte bezeichnen das Phänomen als „Sick-Building-Syndrom“. Ein deutlicher Hinweis auf das „Krankmachende „Krankmachende Gebäude-Syndrom“ sind Beschwerden, die grundsätzlich nur auftreten,wenn sich die Betroffenen in bestimmten Räumen aufhalten – so wie bei den Schröders.
Schadstoffe begrenzen
Zum Glück können Sie die Schadstoffbelastung in den eigenen vier Wänden schon mit einfachen Mitteln deutlich reduzieren, beispielsweise indem Sie die Tür zur Garage abdichten und angebrochene Lack- oder Pinselreinigerbehälter nicht im Haus aufbewahren. Auch regelmäßiges Lüften und die richtige Putzmittelwahl sorgen für besseres Klima. „Moderne Häuser sind sehr dicht, deshalb findet häufig viel weniger Luftaustausch statt als früher“, erklärt Joachim Kösling, Gutachter für Innenraumschadstoffe aus dem niedersächsischen Dorstadt.
Auch bei der Möbelauswahl mahnt der Experte zur Vorsicht: „Vor allem Produkte aus Billiglohnländern, zum Beispiel Teppiche oder Ledermöbel, werden unkontrolliert mit gefährdenden Chemikalien behandelt.“ Das sorgt später im heimischenWohnzimmer für Probleme – angefangen von lästigen Gerüchen bis hin zur Kontaktallergie. Gegenstände, die länger als vier Wochen stark müffeln, sollten Sie zurückgeben oder umtauschen, rät die Stiftung Warentest. Ähnlich wie optische und technische Mängel müssen Sie unzumutbare Gerüche nicht hinnehmen.
Beim Renovieren können Sie Schadstoffprobleme durch die richtige Produktauswahl begrenzen. Eine erste Orientierungshilfe bieten Öko-Label wie das Umweltzeichen der Europäischen Kommission und der Blaue Engel, der vom Umweltbundesamt mitgetragen wird. Sie zeichnen Produkte aus, die beispielsweise besonders emissionsarm oder recycelt sind. Deutlich aussagekräftiger ist jedoch der Blick aufs Etikett, noch besser aufs Sicherheitsdatenblatt.
Verzichten Sie möglichst auf Farben und Lacke, die Allergie auslösende Kunstharze und chemische Lösungsmittel wie den Krebserreger Benzol oder das gesundheitsschädliche Xylol enthalten. Naturharz-Lacke, die ohne kritische Lösungsmittel auskommen, oder Naturfarben auf mineralischer Basis sind zwar etwas teurer, aber auch gesünder. Wenn Sie lieber zu Dispersionsfarben greifen, achten Sie darauf, dass diese als Lösungsmittel nur Wasser enthalten.
Für Tapeten gilt: Glasfasertapeten sind zwar schick und besonders leicht zu verarbeiten, beim Zuschneiden und auch bei einem späteren Abriss reizt jedoch Glasstaub Haut und Atemwege. Besser für Raumklima und Geldbeutel sind preiswerte Papier- und Raufasertapeten, die mit einfachem Zellulosekleister ohne Zusatz- oder Konservierungsstoffe an die Wand geklebt werden. „Von Vinyl- beziehungsweise Kunststofftapeten rate ich dringend ab“, ergänzt Innenraumdiagnostiker Kösling. Sie setzen nicht nur gesundheitsschädliche Weichmacher frei, sondern dichten auch dieWände derart ab, dass diese die Raumfeuchtigkeit nicht mehr ausgleichen können – und fördern damit Schimmelpilz.
Kampf dem Schimmel
Gerade in der Heizperiode, wenn wenig gelüftet wird und die Wände auskühlen, ist der Schimmelpilz ein großes Problem. Die vielen Besuche beim Kinderarzt kann Susanne Körner gar nicht mehr zählen. Die Söhne Tim und Florian, fünf und zwei Jahre alt, wechselten sich mit schweren Hustenanfällen nahezu nahtlos ab. Schließlich verordnete der Arzt eine Mutter-Kind-Kur an der See. Kaum wieder zu Hause, kehrten die Beschwerden jedoch mit voller Wucht zurück. Die verzweifelten Eltern baten Baubiologin Doris Schünemann um Hilfe und ließen ihr Haus auf Wohngifte untersuchen.
Die Messungen ergaben eine extrem hohe Pilzsporen-Konzentration in den Kinderzimmern, obwohl sich dort nirgends Schimmelstellen fanden. Als Schimmelherd entpuppte sich schließlich der Estrich im Erdgeschoss, der durch einen Baumangel völlig durchnässt war. Durch das offene Treppenhaus zog die sporenbelastete Luft direkt in die Kinderzimmer im ersten Stock. „Massive Atemwegsbeschwerden bei Kindern können ein Alarmsignal für Schimmelpilz sein“, erklärt Schünemann. Mit dem Schimmel verschwinden die Probleme zum Glück meist komplett, und so war es auch bei Tim und Florian.
Lassen Sie Schimmel in Haus und Wohnung stets gründlich von fachkundigen Handwerkern entfernen. Damit die Wände trocken bleiben, sollten Sie häufiger kurz und kräftig lüften, statt stundenlang die Fenster zu kippen, Möbel nicht direkt an Außenwänden aufstellen sowie warme und damit feuchtere Luft nicht in wenig beheizte Räume wie das Schlafzimmer leiten. Pilzsporen und Schadstoffe aus Möbeln und Baustoffen sammeln sich auch im Hausstaub an. Wenn Sie Staubfänger wie Dekoartikel, Plüschtiere oder Setzkästen aus der Wohnung verbannen, erleichtern Sie sich nicht nur den Hausputz, sondern verbessern auch das Raumklima. Ein kurzfloriger Teppichboden bindet Feinstaub besser als glatte Fliesen oder Parkett. Der positive Effekt schlägt allerdings ins Gegenteil um, wenn der Teppich nicht mindestens zweimal pro Woche mit einem leistungsstarken Sauger abgesaugt wird.
Wer dagegen auf möglichst geringe Geruchs- und Schadstoffemission Wert legt, ist mit Fliesen oder naturbelassenen Holzböden aus dem Fachhandel besser bedient. Selbst hochwertige Schurwollteppiche werden mit Bioziden behandelt. PVC-Fußbodenbeläge sondern Weichmacher ab, für Küche und Bad empfiehlt Gutachter Joachim Kösling aus Dorstadt stattdessen Fliesen.
Einfach abschalten
Analog zum Smog, also der Luftverunreinigung durch Staub und Abgase, hat sich für die Bestrahlung durch Elektrogeräte, Stromleitungen und Funkwellen der Begriff Elektrosmog etabliert.
Ob Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder trockene Haut tatsächlich auf elektromagnetische Felder in der Wohnung zurückzuführen sind, ist wissenschaftlich umstritten. Auch ein Zusammenhang zwischen niederfrequenter elektromagnetischer Strahlung über einen längeren Zeitraum und Krankheiten wie Krebs oder Leukämie konnte bei Erwachsenen bisher nicht nachgewiesen werden. Einzelne Studien deuten allerdings aufmögliche Gefahren für Kinder hin.
Das Bundesamt für Strahlenschutz empfiehlt, den Körper nicht unnötig elektrischen Feldern auszusetzen. Das heißt: Elektrogeräte nicht im Stand-by-Modus belassen, sondern abschalten, und Strahlungsquellen wie Babyphone, netzbetriebene Radiowecker oder Schlaflichter weit weg vom Bett platzieren. Schnurlos-Telefon, Handy und drahtloser Internet-Zugang (WLAN) sind bequem, strahlungsärmer sind jedoch Kabelverbindungen. Stellen Sie Funksignale grundsätzlich so schwach wie möglich ein, und schalten Sie alles ab, was Sie gerade nicht brauchen.
Was, wenn Sie bereits unter Beschwerden leiden, die möglicherweise auf Wohngifte zurückzuführen sind? Sprechen Sie zuerst mit Ihrem Arzt über Ihre Symptome. Danach kann ein Gutachter gezielt in Ihrer Wohnung messen. Ergeben sich dabei Verdachtsmomente, folgen weitere Untersuchungen. Ganz billig ist eine solche Diagnose nicht. Mit einigen Hundert Euro müssen Sie mindestens rechnen. Aber die sind gut angelegt – für Ihre Gesundheit.
Eingereicht von KIRSTIN VON ELM





