Es ist neun Uhr morgens. Auf dem Hof eines ehemaligen Eisenbahndepots am Hafen von Lissabon bahnt sich eine Frau ihren Weg durch die Gabelstapler. Sie wirkt wie jemand, der keine Zeit vergeudet. Kurz darauf beginnt sie, in einer Lagerhalle Kohlköpfe zu sortieren. Isabel Jonet, 51, ist Direktorin der Banco Alimentar, des Dachverbands von 19 über ganz Portugal verteilten Lebensmittelbanken.

Pro Jahr sammeln und verteilen sie Nahrung für zwölf Millionen Mahlzeiten. Die anhaltende Finanzkrise hat dazu geführt, dass sich selbst Ärzte und Lehrer unter den Notleidenden befinden. Sogar ein Richter hat sich schon an die Banco Alimentar gewandt.

Die Wirtschaftszeitung Jornal de Negócios nennt Isabel Jonet, die auch im europäischen Verband der Lebensmittelbanken aktiv ist, eine der einflussreichsten Frauen der portugiesischen Wirtschaft. Die Mutter von fünf Kindern tritt mit gelassener Ernsthaftigkeit auf.

Jonets soziales Gewissen entwickelte sich bereits in früher Kindheit. Ihre Familie besaß einen Bauernhof in der Alentejo-Region. Die Eltern züchteten Rinder, Schweine und Schafe, bauten Weizen und Gerste an. In ihrem Garten wuchsen Renekloden, die von der Mutter zu kandierten Früchten, bekannt als Elvas-Pflaumen, verarbeitet wurden. Isabels Vater ging auf die Sorgen und Nöte all seiner Mitarbeiter ein. Stets kümmerten sich die Eltern um das Wohl anderer Menschen und waren ihren Kindern so ein gutes Vorbild. „Schon mit zwölf Jahren fing ich an, mich ehrenamtlich in einem Kinderkrankenhaus zu engagieren“, erzählt Jonet.

Ende der 70er-Jahre schloss sie ihr wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Katholischen Universität Lissabon ab und arbeitete dann für einen Versicherungskonzern. 1986 wurde ihr Ehemann Nuno, ein Journalist, im Zuge des portugiesischen EU-Beitritts nach Brüssel versetzt; Isabel und ihre erste Tochter kamen mit. Erneut fand Isabel Jonet eine Stelle bei einer Versicherung. „Frauen wurden dort nicht schlecht behandelt“, sagt sie, „doch man nahm uns einfach nicht ernst.“ Sie wechselte zum Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und gab nebenbei Kochkurse, in denen sie die portugiesische Küche vermittelte.

Nunos Beruf brachte die Familie 1994 nach Lissabon zurück. Inzwischen hatten die Jonets drei Kinder, und Isabel bemühte sich, ihnen den Wechsel von der französischsprachigen Schule in die portugiesische zu erleichtern. An zwei Nachmittagen in der Woche betätigte sie sich ehrenamtlich bei der vier Jahre zuvor gegründeten Banco Alimentar.

„Ich entschied mich mitzumachen, weil sie eine Mission hat: etwas gegen die Verschwendung von Nahrung, Zeit und Talenten zu tun.“

Damals war der Verband noch klein und versorgte nur 16 Organisationen; inzwischen sind es mehr als 300. Ziemlich schnell merkte Isabel, dass sie etwas Wichtiges beisteuern konnte. „Ich hatte schon immer einen Ordnungs- und Organisationsfimmel“, sagt sie. „Als ich zur Banco kam, wurde mir bewusst, wie viel sich in einer Wohltätigkeitseinrichtung allein durch eine professionelle Geschäftsführung erreichen lässt.“

Auch der Vorstand erkannte ihre Fähigkeiten; bereits nach wenigen Monaten bat er Jonet, die Leitung zu übernehmen.

Isabel besprach sich mit ihrer Familie. Wenn sie zusagte, würde sie wie früher jeden Tag arbeiten, dabei jedoch als Ehrenamtliche nichts verdienen. Ehemann und Kinder rieten ihr trotzdem einmütig, den Posten zu übernehmen. Damit änderte sich ihr gesamtes Leben.

Die Banco Alimentar händigt die eingehenden Lebensmittelspenden nicht direkt aus, sondern leitet sie an örtliche Organisationen weiter, darunter Kinderhorte, Altersheime und Tagesstätten für Senioren. Deren Mitarbeiter kennen die Hilfsbedürftigen persönlich und können Mahlzeiten oder Lebensmittelkörbe zusammen mit einem einfühlsamen oder aufmunternden Wort austeilen.

Antonio da Silva aus Coimbra, ein älterer Student und Vater von sechs Kindern, gehört zu den Empfängern. „Es gibt Monate, in denen uns das Geld ausgeht, nachdem wir die Miete gezahlt und grundlegende Dinge gekauft haben“, sagt er. „Ohne die Banco Alimentar wäre das Leben schrecklich. Wir bekommen von ihr Lebensmittel wie Milchpulver und Reis. Ohne diese Unterstützung würden die Kinder die Hälfte der Zeit Hunger leiden. Und ich kenne Leute, denen es noch viel schlechter geht.“

Der Dachverband übernimmt die schwierige Aufgabe, all die Lebensmittel aufzutreiben, die tagtäglich benötigt werden. Um das hinzubekommen, überzeugte Jonet die Vorstände diverser Handelskonzerne davon, dass sie mit Spenden sogar Geld sparen konnten. Unverkaufte Nahrungsmittel zu entsorgen ist nämlich gar nicht billig. „Ich erinnere mich an das erste Gespräch mit Isabel“, erzählt Alexandre Soares dos Santos, Firmenchef von Jerónimo Martins, der größten portugiesischen Supermarktkette. „Ihre Entschlossenheit, ihre Klugheit und ihr Engagement beeindruckten mich tief. Sie wusste, dass unser Wohlfahrtsstaat nicht nachhaltig ist.“

2010 schenkte Martins der Banco Alimentar mehr als 5 000 Tonnen Lebensmittel. Auch die Händler des Lissabonner Großmarkts konnte Jonet ins Boot holen; nach Geschäftsschluss liefern sie ihr unverkauftes Obst und Gemüse bei der Banco Alimentar ab.

Etwa ein Viertel der Lebensmittel trifft derzeit in verschweißten Gebinden aus den Lagerbeständen der EU ein. Weitere 10 Prozent stammen aus Wochenendkampagnen vor Supermärkten, bei denen ehrenamtliche Helfer die Konsumenten am Eingang bitten, Grundnahrungsmittel wie Reis, Öl, Getreideprodukte und Thunfisch zu kaufen und anschließend zu spenden. Rund 36 000 Freiwillige beteiligen sich in ganz Portugal an solchen Aktionen.

„Damit wollen wir den Menschen bewusst machen, dass es in ihrer unmittelbaren Umgebung Hunger gibt“, sagt Jonet. „Und dass sie persönlich etwas dagegen tun können.“

Im Lagerhaus der Lebensmittelhilfe am Hafen türmen sich Bananenkisten. Berge von Spinat werden mit dem Gabelstapler hereingefahren. Nichts ist zu viel. Selbst eine Lieferung mit 21 Tonnen Kiwis und 48 Tonnen Pfirsichen brachte Jonet nicht aus der Fassung. „Natürlich haben wir Marmelade daraus gekocht“, sagt sie.

Jeden Tag sind rund 250 Freiwillige für die Banco Alimentar im Einsatz. „Ich habe bei meiner Arbeit hier viele außergewöhnliche Menschen kennengelernt“, sagt Jonet. „Das gesamte Team gibt unserem Unterfangen Substanz.“ Isabel Jonet kennt sie alle gut: den Mann, dessen Sohn gerade operiert worden ist, genauso wie den 80-Jährigen, der voller Stolz Paletten hievt. Sie weiß, wie man ehrenamtliche Helfer motiviert und bei der Stange hält, etwa den ehemaligen Lehrer, der akribisch die Warenein- und -ausgänge kontrolliert, oder den früheren Buchhalter, der den jährlichen Etat aufstellt.

Dass sie selbst wie alle anderen unentgeltlich tätig ist, findet Isabel Jonet äußerst wichtig. „Die Leute, die sich hier engagieren, müssen keine Anweisungen einer hauptamtlichen bezahlten Chefin entgegennehmen“, sagt sie. „Die Geschäftsführerin ist eine von ihnen.“

Unter den Helfern befinden sich auch Langzeitarbeitslose sowie einige Personen mit kleineren Vorstrafen. Rui, der in der Lagerverwaltung hilft, kam ursprünglich zur Banco, um wegen eines Delikts Sozialstunden abzuleisten. „Ich zeigte vollen Einsatz“, erzählt er. „Jetzt gehöre ich zum festen Mitarbeiterstab.“

An Jonets Bürowänden und überall bei ihr zu Hause hängen Landkarten. „Ich liebe Karten über alles“, erläutert sie, „denn jeder muss wissen, dass er einen Platz in der Welt hat.“ Sie verbringt viel Zeit bei der Banco Alimentar. „Meine Tür steht immer offen. Allerdings haben meine Kinder absoluten Vorrang“, sagt sie. Noch eine Woche vor der Geburt ihrer inzwischen elfjährigen Jüngsten war sie im Büro. Es ging nicht anders: Zwei ihrer Vorstandskollegen waren innerhalb von zehn Tagen gestorben; dadurch war sie die einzige Zeichnungsberechtigte.

Nach der Entbindung kehrte sie mit dem Baby an ihren Arbeitsplatz zurück. Die Kleine schlief auf einem Kissen, das von Schreibtisch zu Schreibtisch wechselte. „Alle schmusten mit der Kleinen“, erinnert sich Jonet lächelnd.

Jeden Morgen sammeln ihre jüngsten Kinder bei den örtlichen Bäckereien unverkaufte Brote und Kuchen vom Vortag ein; in einem Jahr kommen so bis zu 900 Kilo Backwaren zusammen. Isabels ältester Sohn Francisco studiert Betriebswirtschaft, doch er will auch für ein Jahr als Freiwilliger in Burundi beim Bau eines Heims für Straßenkinder mithelfen.

„Ich glaube, dass wir alle zusammengehören und für das Gemeinwohl verantwortlich sind“, sagt Isabel Jonet. Daran denkt sie, während sie morgens Kohlköpfe sortiert. Ihre Überzeugung wird auch in diesem Jahr 300 000 Menschen in Portugal vor dem Hunger bewahren.

 

33
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?Dann erhöhen Sie hier seine Punktzahl!

Am Beliebtesten in Helden

  1. Lee Child – Trouble
  2. Die rote Flut
  3. Monika Hauser

Mehr Artikel & Interviews

Kommentar abgeben

Name*
Email*
Kommentar*
Mehr spannende Reportagen und Geschichten mit dem Menschen im Mittelpunkt?
Abonnieren Sie jetzt Reader's Digest, das Magazin!